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Der Onlinedienst Storify ist ein Seismograf des Leseverhaltens und provoziert neue Ansätze im Umgang mit Inhalten.
Von Jan Rothenberger

Kuratieren, kollaborieren, vernetzen – mit diesen Schlagworten werden durch das Internet beförderte Umbrüche in der Medienlandschaft und neue Aufgabenfelder von Journalisten diskutiert. In der Websphäre der frei flottierenden Inhalte sollen Journalisten vermehrt die Rolle der Ordner spielen, nicht mehr primär die der Produzenten. Der Artikel auf Seite 24 bespricht dieses Journalismuskonzept, hier geht es schwergewichtig um die Möglichkeiten und Werkzeuge im Onlinebereich.
Um Storify zum Beispiel. Der Dienst ist das Produkt eines 2010 in San Francisco gegründeten Startups. Storify dockt an die wichtigsten Social-Media-Kanäle an und will eine narrativ orientierte Schnittstelle für sie sein. Idee: Aus Netzzitaten verschiedener Kanäle wird eine Geschichte gezimmert. Der Nutzer durchsucht die sozialen Medien nach Bausteinen für seine Story. Artikel, Blogbeiträge, Tweets oder Soundbites können per Drag-and-Drop zu einem Beitrag arrangiert werden, sie erscheinen darin verlinkt und mit kurzem Auszug. Um diese Grundelemente einer Storify-Story herum kann frei Text hinzugefügt werden, um zu kontextualisieren und zu kommentieren. Storify ist also eine Art Aufbereitungs- und Ordnungsmaschine für bestehende Inhalte.

Übersicht schaffen. Bereits findet der Dienst auch in den Verlagen vielfältige Verwendung. NZZ Labs hat damit kürzlich ein Podiumsgespräch zum Thema „Paid vs. Free” resümiert und der „Guardian” Leserfragen für ein Interview mit Wladimir Putin gesammelt. Die „Medienwoche” hat mit einem kleinen Experiment gezeigt, wo Storify seine Stärken ebenfalls gut ausspielt – es lässt mit wenig Aufwand eine Zusammenschau von Newsbeiträgen erstellen. Unter dem Titel „Boulevard mit Beisshemmungen” hat Nick Lüthi die über Newsartikel, Blogs, TV-Berichte, Twitter und andere Quellen verstreute Berichterstattung rund um den Scheidungskrieg zwischen Thomas Borer und Shawne Fielding zusammengetragen. Das Ganze mit dem Ziel, die zurückhaltende Coverage nachzuzeichnen und zu zeigen, welche Medien die Geschichte nach dem auffälligen Schweigen von Ringier noch angefasst haben. Storify schafft Übersicht und bringt eine klare Ordnung ins (Medien-) Geschehen. Das eröffnet nicht nur interessante Perspektiven für das Analysieren von Berichterstattung. Zügig kann jemand, der im Thema drin ist, den Überblick herstellen und auf die relevanten Teile hinweisen.

Ordnung vermitteln. Storify ist für Journalisten aber nicht nur als Werkzeug interessant. Das Aufkommen des Diensts weist auch einen Trend aus. Onlinedienste sind ein Seismograf dafür, wie Nutzer Inhalte künftig konsumieren wollen. Wenn Storify und seine Geschwister (Keepstream, curated.by oder Qrait) Nutzer finden, ist das eine gute Nachricht für Journalisten. Es würde zeigen: Leser wollen ein ordnendes Prinzip, und zwar eines, das Übersicht herstellt und den Wert des einzelnen Artikels nicht an der Klickrate oder Suchmaschinenoptimierung bemisst, sondern an Qualität und Relevanz.
Längst sind Hinweise auf journalistische Beiträge aus Blogs und dem Social Graph, dem persönlichen Umfeld auf Twitter und Facebook, zum wichtigen Kompass in der Suche nach relevanten Inhalten geworden. Dass diese Empfehlungen eine Quelle sind, auf die man immer weniger verzichten möchte, zeigt die „New York Times” mit ihrer „Metered Paywall”: Wer über eine Artikelverlinkung in den sozialen Medien auf die Website gelangt, wird von der Bezahlschranke nicht aus­gesperrt. Ein Schlupfloch, auf das auch die kommende Paywall der NZZ nicht verzichten dürfte. Denn Empfehlungen bringen engagiertere Leser. Wer sich über eine Empfehlung bewusst zu einem Artikel klickt, wird diesem mehr Aufmerksamkeit schenken als die Laufkundschaft, die sich durchs Angebot blättert.
Neben seiner Empfehlungsfunktion führt Storify zusätzlich den Mehrwert der Strukturierung vor. Es lässt Schnipsel zu ­einem Gesamtbild zusammenfügen und sinnvoll kontextualisieren. Das wird in den Onlinemedien erst zum Teil gemacht, wirklich überzeugende Organisationswerkzeuge für die eigenen Inhalte fehlen den Redaktionen bislang. Dabei bieten zum Beispiel kommentierte Ereignischroniken oder nachgezeichnete Politdiskurse spannende Formate, die sich mit den richtigen Werkzeugen leichter als bisher aus bestehenden Inhalten generieren liessen. Storify taugt dazu letztlich nicht. Aber es zeigt, wo sich eine Lösung Anleihen holen könnte. Man kann Storify als ergänzendes Werkzeug im Redaktionsalltag einsetzen, wie etwa der „Guardian”, oder um eine alternative Darstellung von Inhalten zu erproben. Beides ist empfehlenswert, denn es schärft den Blick für neue Formate und Arbeitsweisen. Es gehört zum Publizieren im Internet, die Stärken des Mediums auch zu nutzen – und die wichtigste ist die Vernetzung.

Jan Rothenberger ist Redaktor der Blogwerk AG, die auch netzwertig.com herausgibt.

Weiterführende Links
Storify
Storify im Praxistest
Gespräch mit Burt Hermann, CEO von Storify
Best-Practices-live-examples
Storify auf Mediawiki
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