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AP Schweiz ist Geschichte, die Nachrichtenagentur SDA nun News-Monopolistin. Das wird zwar überall bedauert. Doch die meisten Redaktionen finden sich damit ab. Mancherorts sucht man nun sogar Alternativen ohne SDA.
Von Markus Knöpfli

Ende Februar wurde der deutschsprachige Dienst von AP Schweiz eingestellt, am 28. März auch der französischsprachige. Seither beliefert nur noch die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) die Medien mit Schweizer Nachrichten. „Vom Entscheid, AP Schweiz einzustellen, wurden wir überrascht, hatten wir doch noch letztes Jahr die Zusammenarbeit mit beiden Agenturen verlängert”, sagt NZZ-Nachrichtenchef Luzi Bernet. Den Wegfall bedauert er. „Es ist ein Verlust an Wettbewerb, Vielfalt und Auswahl.” Diese Sichtweise teilt man in der Westschweiz: „Ohne AP haben wir eine Schweizer Infoquelle weniger”, sagt Pierre Rüetschi, Chefredaktor der „Tribune de Genève”. „Ich bedaure das sehr, denn eine gewisse Diversität ist nötig.”
Ähnlich tönt es landaus, landein. Und überall lobt man die Leistungen von AP. „AP war im Wirtschaftsbereich stark, das war ihr Kerngebiet. Ihre Geschichten hatten oft einen anderen Dreh als jene der SDA, brachten die Sache rasch auf den Punkt und waren verständlich”, sagt Max Trossmann, langjähriger und mittlerweile pensionierter Blattmacher bei der „Berner Zeitung”. Kurt Witschi, stellvertretender Nachrichtenchef bei Radio DRS, ergänzt: „Obwohl die SDA unsere Leitagentur ist, war AP für die Bundespolitik dennoch absolut wichtig und gleichwertig.” Oft sei die AP zudem schneller gewesen. Felix E. Müller, Chefredaktor der „NZZ am Sonntag”, kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Im Kernbereich – bei wichtigen politischen Ereignissen sowie Unglücksfällen und Verbrechen – war AP vergleichbar.” Und gemäss Philipp Landmark, Chefredaktor beim „St. Galler Tagblatt”, waren die AP-Meldungen „oft besser und spannender”, der „Liberté”-Redaktor Gérard Tinguely bezeichnet sie als „lebendiger und angenehmer.”
Dass die Zweitagentur AP über kein regionales Korrespondentennetz verfügte, wird immer wieder als Hauptmangel angeführt. In der Westschweiz empfand man zudem das AP-Angebot an französischen Meldungen über die Deutschschweiz als eher dürftig. „Der SDA-Service ist nun einmal dichter und vollständiger”, hält „Tagblatt”-Chefredaktor Landmark fest. Deshalb entschied er sich letztes Jahr für die SDA, als er sich aus Spargründen auf eine der beiden Agenturen beschränken musste. „Mit der SDA ist es mir wohler, als wenn ich allein mit der AP unterwegs wäre.”
Doch auch Landmark weiss: Beim Schwesterblatt „Neue Luzerner Zeitung” kam man zu einem gegenteiligen Schluss – und zwar schon vor zwei Jahren. „Wir wollten unseren Abonnenten nicht dieselben SDA-News vorlegen, die sie schon aus Gratiszeitungen kennen”, sagt der stellvertretende Chefredaktor Stefan Ragaz. „Deshalb setzten wir auch im überregionalen Bereich vorwiegend auf Eigenleistungen und verliessen uns im Nachrichtenbereich auf das Grundgerüst der AP.”

Sogar besser ohne AP. Mit dem Aus von AP Schweiz erübrigt sich diese Philosophie nun teilweise. Denn die SDA sprang sofort in die Bresche und bedient nun auch wieder AP-Kunden wie NLZ und „MittellandZeitung” – bis Ende Jahr und zum AP-Tarif. „Dank dem umfangreicheren SDA-Service fahren wir kurzfristig sogar besser als bisher mit der AP”, sagt MZ-Chefredaktor Christian Dorer. Führte der Wegfall von AP allenfalls im Redaktionsalltag der NZZ zu konkreten Problemen? „Nein, für uns ist es nicht allzu dramatisch, da wir ja über ein breites Korrespondentennetz verfügen”, sagt Luzi Bernet. Ähnlich antworten Gérard Tinguely für die „Liberté” und Chefredaktor Matthias Geering für die BaZ.
Konkrete Probleme meldet eigentlich nur Radio DRS an. „Uns hat das Aus von AP durchaus erwischt”, sagt Kurt Witschi. „Denn wir stehen nun vermehrt vor der Frage, wie wir die Zwei-Quellen-Regel einhalten können.” Diese besagt bekanntlich, dass eine Information nur dann verwendet werden darf, wenn sie durch mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wird. Mit AP und SDA sei dies bisher oft der Fall gewesen, sagt Witschi. Nun werde man Informationen vermehrt selbst nachprüfen und deshalb enger mit den DRS-Fachredaktionen kooperieren müssen, meint er. In dieselbe Kerbe schlägt Pierre Rüetschi von der „Tribune de Genève”: „Zwei Quellen wären schon wichtig – gerade für Dinge, die wir nicht selbst recherchieren.”

Der Anfang vom Ende. Über die Hintergründe, die zur Beseitigung von AP Schweiz führten (siehe Box), wollen die wenigsten sprechen. Felix E. Müller wagt sich vor: „Das wahre Motiv der SDA war, die Konkurrenz wegzukaufen”, stellt er kurz und bündig fest. Anders sieht es Philipp Landmark vom „St. Galler Tagblatt”: „Ich denke, die SDA trug wenig zum Ende von AP Schweiz bei.” Wohl habe die SDA versucht, ihr Angebot auszuweiten und auch preislich attraktiv anzubieten. „Das ist legitim.” Ob es auch zu Winkelzügen kam, könne er aber nicht beurteilen.
Selbstkritische Reflexionen stellt Max Trossmann an. Die „Berner Zeitung” sei die erste grosse Zeitung gewesen, die aus Spargründen auf die AP verzichtete, gesteht er. Das war 2002. Als Mitglied der Chefredaktion habe er den Entscheid damals mitgetragen, umso mehr, als man der Zeitung danach kaum etwas angemerkt habe. „Der Verzicht auf AP war verschmerzbar”, sagt Trossmann. Damit aber war ein Tabu gebrochen: „Das Beispiel der BZ trug dazu bei, dass nach und nach auch andere Zeitungen der AP aufkündeten”.

Zeitung ganz ohne Agenturen. Bisherige AP-Kunden werden noch bis Ende Jahr von der SDA versorgt – zum AP-Tarif. Doch schon bald stehen neue Verhandlungen an: „Je nach Bedingungen können wir uns vorstellen, mit der SDA einen Konzernvertrag abzuschliessen – und zwar für Print, Online und Tele M1”, sagt Christian Dorer von der MZ. „Aber wir erwägen auch Alternativen: So prüfen wir, ob eine Zeitung ohne Agenturen machbar ist.” Dahinter steht die Sorge, dass die Monopolistin SDA nun ihre Tarife tüchtig anheben könnte.
Deshalb brütet Stefan Ragaz von der NLZ über Alternativen: Zusammen mit andern Zeitungen – Ragaz erwähnt die MZ - denke man an ein Netzwerk von Journalisten, die sämtliche regionalen und nationalen Communiqués abonnieren und diese verwerten. Zudem brauche es ein Team, das bei ausserordentlichen Ereignissen reagieren könne. Im Ausland könne man zudem mit Korrespondenten und Drittagenturen wie dpa oder Reuters zusammenarbeiten. Die Pläne seien schon sehr konkret. Ragaz: „Wir wissen, was wir brauchen und was es kostet. Das Businessmodell steht.” Trotzdem werde man mit der SDA verhandeln. „Letztlich ist ja alles eine Frage von Kosten und Nutzen”, sagt Ragaz.

Markus Knöpfli ist freier Journalist in Basel.


DER MERKWÜRDIGE DEAL MIT DER AP
Die SDA ist eine Gründung der Zeitungsverlage. In den letzten Jahren sind aber einige Zeitungen bei der SDA abgesprungen und haben sich nur noch bei der AP Schweiz bedient. Dies wiederum brachte die SDA in finanzielle Schwierigkeiten (siehe EDITO 5/09) und den Abtrünnigen den Vorwurf ein, nicht solidarisch zu sein. Denn die Frage stand im Raum, ob sich im kleinen dreisprachigen Markt der Schweiz überhaupt eine schweizerische Agentur halten kann.
Die amerikanische AP verkaufte im Herbst 09 ihren deutschsprachigen Dienst (CH, A, D) an die deutsche ddp, die sieben Wochen später die Lizenz für die (übersetzten) deutschsprachigen AP-Auslandmeldungen an die SDA verkaufte. SDA und ddp vereinbarten zugleich, dass ddp den ehemaligen Schweizer AP-Dienst umgehend einstellt. Die ganze AP-Redaktion, 20 Journalisten, wurde entlassen.
Umstritten ist dabei die Rolle der SDA selbst: Es wird ihr vorgeworfen, sie hätte die Schliessung des AP/ddp-Büros aktiv vorangetrieben und AP letztlich vom schweizerischen Markt gekauft. Von Seiten der SDA wird das bestritten. Der Grund für das AP-Aus sei vielmehr, dass sich das Geschäft in der Schweiz für AP nicht mehr gelohnt habe, weil AP Schweiz für das Recht, Meldungen des internationalen Dienstes zu verkaufen, neu hätte eine Lizenz an das Mutterhaus bezahlen müssen. AP Schweiz dementiert wiederum, dass sich der Dienst nicht hätte profitabel betreiben lassen.


Balz Bruppacher
Seit Ende1983 hat Balz Bruppacher die AP Schweiz geleitet und war für deren Qualität verantwortlich. Er kritisiert die Rolle von AP, ddp und SDA bei der Schliessung von AP Schweiz. Vor allem ist er enttäuscht, dass sich die SDA und die Verlage nicht für den Erhalt einer Angebotsvielfalt eingesetzt hatten. Die SDA sei doch ein Gemeinschaftsunternehmen und nicht profitorientiert. „Ich behaupte, die für teures Geld erkaufte Monopolstellung macht für die SDA-Eigentümer, also die Verleger und die SRG, ökonomisch keinen Sinn und ist ein medienpolitisches Armutszeugnis. Monopole sind weder qualitätsfördernd noch preisdämpfend. Die ausgedünnten Redaktionen wären gerade jetzt auf ein breites Agenturangebot angewiesen.”

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