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Medienkritik noch und noch: Der „Blick” kritisiert die Fernsehkorrespondentin Karin Wenger für ihren Bericht aus Colombo. Kein Wort zum Inhalt. „Blick”-Redaktorin Aurelia Forrer rüffelt ihre Kollegin öffentlich wegen T-Shirt und Frisur. Mit Blick aufs eigene Blatt bleibt der „Blick”-Frau diese Kritik erspart: Ob eine Frau den Text zu Radio Energy oder das VIP-Shooting auf dem Cover ziert: Im „Blick” tragen die meisten Frauen gar kein T-Shirt.

Medienkritik der anderen Art von Daniele Muscionico in der „Zeit”. Im interessanten Text über die NZZ formuliert die ex-NZZ-Redaktorin spitze Thesen: „Ein massgeblicher Teil des hausgemachten Problems NZZ ist benannt: Es ist der Verwaltungsratspräsident Conrad Meyer.” Und: „Chefredaktor Spillmann, als Oberst nicht der Mann, der Befehle verweigert, ist per Leistungsauftrag immobilisiert.” Muscionico folgert: „Rettet die NZZ, solange sie diesen Namen noch verdient!”

Rettung brauche laut dem ehemaligen Radiodirektor Andreas Blum auch die SRG: „Die Schweiz braucht eine starke SRG, aber sie muss aufpassen.” Und auch er zielt neben einer scharfen Analyse („Bringt die SRG die Kraft auf, Ballast abzuwerfen und sich vom Tanz auf allen Hochzeiten zu verabschieden, wird sie gewinnen, nicht verlieren.”) auf den Mann: „Noch nie war die Führung der SRG so schwach besetzt wie heute.”

Entlassen die Maschinenindustrie oder die Chemie Mitarbeiter, ernten sie von den Journalisten meist Kritik, ein Ausbau von Stellen hingegen erntet Lob. Und kein Mensch hatte applaudiert, als etwa die Tamedia Personal entliess. Anders offenbar beim Thema SRG: Ziemlich bissig wurde an der Jahresmedienkonferenz von SF zu einem leichten (vermeintlichen!) Anstieg der Stellen nachgefragt.

Im 300 Seiten schweren Jahresbericht 2009 von Ringier gehören 240 Seiten dem Künstler John Baldessari. Die Journalisten sollen sich Baldessari zum Vorbild nehmen, meint Verleger Michael Ringier. Denn eines seiner Werke heisse „I will not make any more boring art.” Was er nicht sagte: Die Lithographie von 1971 zeigt ausschliesslich geschriebene Sätze. Also ein „Blick” bald ohne Bilder?

Journalismus zwischen Buchdeckeln – kürzlich erschienen: „Bilal” vom italienischen Undercover-Journalisten Fabrizio Gatti („Reppublica”), welcher sich als Bilal in Afrika in den Flüchtlingsstrom gemischt habe. Eine Reportage über den modernen Menschenhandel. Von Bernhard Odehnal („Tages-Anzeiger”) und Gregor Mayer erschien „Aufmarsch” über die rechtsextreme Szene in Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern. In „Iran ist anders” beschreiben Werner Van Gent (Radio DRS) und Antonia Bertschinger (BaZ, „Tagi”) den Iran mit politischen Analysen und Beobachtungen zum Alltag. 13 grosse Reportagen für den „Bund” haben Daniel Di Falco und Adrian Moser (Fotos) erweitert und „Im Land des Unbehagens” herausgebracht.

Wollte das Schweizer Fernsehen 2008 mehr Briefe verschicken? Immer noch erhält man Post vom staatlichen Sender mit dem Couvert-Aufdruck „UEFA EURO 2008”. Zumindest dokumentiert das, wie in Leutschenbach gespart wird.

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